Reizdarmbeschwerden gehören zu den häufigsten Gründen, weshalb Patient:innen meine Praxis aufsuchen. Viele haben bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich – verschiedene Ernährungsformen, Medikamente oder Probiotika – doch der Bauch bleibt unruhig.
Immer häufiger tritt dabei auch eine Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) in den Vordergrund. Für viele ist sie der entscheidende, bisher unentdeckte Faktor hinter Blähbauch, Schmerzen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Erschöpfung.
In diesem Artikel erhältst du eine klare, medizinisch fundierte Übersicht, wie Reizdarm und SIBO entstehen, wie sie korrekt diagnostiziert werden – und warum ein integrativer, funktioneller Ansatz die besten Ergebnisse liefert.
„Viele meiner Patient:innen mit Reizdarm berichten, dass sie schon mehrere Therapien ausprobiert haben, aber die Beschwerden immer wiederkehren.“
– Dr. med. Roze Saguner-Imsak
Was versteht man unter Reizdarm und SIBO?
Das Reizdarmsyndrom (RDS) gehört zu den funktionellen Darmstörungen und wird nach den Rome-IV-Kriterien diagnostiziert. Charakteristisch sind wiederkehrende Bauchschmerzen, Völlegefühl, Druckempfindlichkeit und wechselnde Stuhlgewohnheiten. Die Symptome sind oft chronisch, kommen schubweise und werden durch Stress, Schlafmangel oder bestimmte Lebensmittel verstärkt.
SIBO, die Dünndarmfehlbesiedlung, entsteht dagegen durch eine veränderte Motilität des Dünndarms. Studien, insbesondere aus der Arbeitsgruppe von Mark Pimentel (USA), zeigen, dass SIBO nicht primär durch eine „Verschiebung“ von Bakterien entsteht, sondern durch eine eingeschränkte Aktivität des Migrating Motor Complex (MMC). Diese Wellenbewegung soll den Dünndarm regelmäßig reinigen – fällt sie aus, kommt es zu bakterieller Stagnation, Gasbildung, Schmerzen und Nährstoffmängeln.
Dabei gibt es unterschiedliche Formen von SIBO, die sich anhand ihres Gasprofils unterscheiden. Wasserstoffdominierte Formen führen häufig zu Durchfall und schneller Gasbildung, methanproduzierende Formen gehen eher mit hartnäckiger Verstopfung und verlangsamter Motilität einher. Schwefelwasserstoffdominante Varianten können wechselnde Beschwerden, Druckschmerzen und Unverträglichkeiten verursachen. Diese Differenzierung ist wichtig, da sie den Therapieverlauf maßgeblich beeinflusst.
SIBO kann nicht nur einer Reizdarmdiagnose ähneln, sondern in vielen Fällen die zugrunde liegende Ursache darstellen: insbesondere nach Infektionen oder bei lang bestehendem Stress.
Warum treten Reizdarm und SIBO so häufig gemeinsam auf?
Die Verdauung ist ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Darmbewegung, Mikrobiom, Schleimhautbarriere, Immunsystem und der Stressachse. Sobald eines dieser Systeme aus dem Gleichgewicht gerät, kann das gesamte Verdauungssystem empfindlich reagieren. Schlafmangel, anhaltender Stress, hormonelle Schwankungen oder eine geschwächte Schleimhautbarriere können sowohl Reizdarmbeschwerden verstärken als auch die Entstehung einer Dünndarmfehlbesiedlung begünstigen.
Aus der Praxis zeigt sich klar: Viele Beschwerden sind multifaktoriell bedingt. Ein Mensch kann gleichzeitig eine gestörte Motilität, ein sensibles Nervensystem, eine beeinträchtigte Schleimhaut und bakterielle Fehlbesiedlungen aufweisen. Erst wenn diese Zusammenhänge verstanden werden, kann man zielführend behandeln.
„Stress, Schlafmangel und Überforderung sind oft die unsichtbaren Verstärker von Verdauungsproblemen. Das Nervensystem spielt eine zentrale Rolle, die in der klassischen Gastroenterologie häufig unterschätzt wird.“
Arten und typische Symptome:
- H₂-SIBO: häufig Durchfall, schnelle Gasbildung, Beschwerden nach Kohlenhydraten
- IMO (Intestinal Methanogenic Overgrowth): Methanüberproduktion → Verstopfung, verlangsamte Motilität
- H₂S-SIBO (ISO): Schwefelwasserstoffdominanz → wechselhafte Stuhlgewohnheiten, Druckschmerzen, Unverträglichkeiten
- Kombinierte Formen: gemischte Gasprofile mit komplexen Symptomen
Typische Folgen:
- Gase → Blähbauch
- veränderte Motilität → Durchfall oder Verstopfung
- Nährstoffmängel → z. B. Vitamin-B12-Defizit
In vielen Fällen stellt SIBO die zugrunde liegende Ursache eines Reizdarms dar – insbesondere nach Infektionen oder bei chronischem Stress.
Typische Beschwerden: wie sie sich zeigen
Reizdarmbeschwerden äußern sich meist durch Blähungen, krampfartige Schmerzen, ein Druckgefühl nach dem Essen und wechselnde Stuhlgewohnheiten. Viele Betroffene entwickeln zudem Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die jedoch nicht immer echte Allergien sind, sondern Ausdruck einer gereizten oder überlasteten Verdauung.
Reizdarmbeschwerden kurz zusammengefasst:
- Blähungen und Krämpfe
- wechselnde Stuhlgewohnheiten
- Druckgefühl nach dem Essen
- Nahrungsmittelunverträglichkeiten
SIBO zeigt sich häufig durch ausgeprägten Blähbauch, der im Tagesverlauf zunimmt, Müdigkeit nach Mahlzeiten, Unverträglichkeiten gegenüber Ballaststoffen oder Zuckeralkoholen und – je nach Gasprofil – durch Durchfall, Verstopfung oder einen Wechsel beider Zustände. Da bestimmte Bakterienformen Vitamin B12 verbrauchen können, treten bei einigen Patient:innen zudem relevante Mikronährstoffmängel auf.
Kurz zusammengefasst:
- starker Blähbauch (oft ab Nachmittag)
- Müdigkeit nach Mahlzeiten
- Beschwerden nach Ballaststoffen oder Zuckeralkoholen
- Vitamin-B12-Mangel
- wechselnde Stuhlgewohnheiten (Durchfall, Verstopfung oder beides)
Reizdarm Diagnostik: Was ist sinnvoll und was nicht?
Eine erfolgreiche Behandlung beginnt mit einer fundierten Diagnostik. Hierbei geht es nicht darum, „möglichst viel“ zu testen, sondern zielgerichtet und sinnvoll auszuwählen.
Die Basisdiagnostik umfasst in der Regel Blutwerte, die einen Überblick über Entzündungsprozesse, Organfunktionen, Schilddrüsenparameter und Mikronährstoffe geben. Diese Werte liefern Hinweise darauf, ob der Körper entzundet ist, ob hormonelle Ursachen vorliegen oder ob beispielsweise Eisen- oder Vitamin-B-Mängel die Beschwerden verstärken.
Eine ganzheitliche Diagnostik berücksichtigt Blutwerte, Organfunktionen und Mikronährstoffe:
- Entzündungsmarker: hsCRP
- Organwerte: Leber, Niere, Pankreas
- Schilddrüse: TSH, fT3, fT4
- Mikronährstoffe: Ferritin, aktive B-Vitamine, Zink, Magnesium, Vitamin D
- optional: Glukosestoffwechsel, Lipidprofil
Für den Nachweis einer SIBO ist der Atemgastest das zentrale Verfahren. Je nach Labor werden Wasserstoff, Methan und teilweise Schwefelwasserstoff gemessen. Entscheidend ist die korrekte Vorbereitung – denn bereits kleine Fehler, etwa bei der Ernährung in den Tagen zuvor, können zu falsch-positiven oder falsch-negativen Ergebnissen führen.
Eine Stuhlanalyse kann sinnvoll sein, wenn der Verdacht auf Schleimhautveränderungen, eine beeinträchtigte Barrierefunktion oder bestimmte Mikroorganismen besteht. Auch hier gilt: Nicht jedes Panel ist sinnvoll, die Auswahl muss individuell erfolgen.
Therapie: schulmedizinisch und funktionell sinnvoll kombiniert
Die wirksamste Behandlung ist häufig eine integrative Therapie, die schulmedizinische und funktionelle Ansätze verbindet.
Bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder Endoskopie dienen der Abklärung struktureller Ursachen. Bei gesicherter SIBO kommen – abhängig vom Gasprofil – spezifische Antibiotikatherapien zum Einsatz, beispielsweise Rifaximin oder Kombinationstherapien bei methanproduzierender Fehlbesiedlung. Unterstützend können Prokinetika, spasmolytische Medikamente oder individuell ausgewählte Probiotika eingesetzt werden.
- Bildgebung: Ultraschall, ggf. MRT/CT
- Endoskopie: bei Verdacht auf strukturelle Veränderungen
- Antibiotikatherapie: Rifaximin o. ä., abhängig vom Gasprofil
- Prokinetika & Spasmolytika: bei Motilitätsstörungen
- Probiotika: gezielte Auswahl basierend auf Mikrobiomstatus
Im funktionellen Bereich liegen große Hebel in der Ernährung, der Mikronährstoffversorgung, der Phytotherapie und der Regulation der Motilität. Eine entzündungsarme Ernährung, die an individuelle Verträglichkeiten angepasst ist, spielt hierbei eine wichtige Rolle. Langfristig restriktive Diäten, etwa eine dauerhaft durchgeführte Low-FODMAP-Ernährung, werden dagegen nicht empfohlen.
Besonders wichtig ist die Unterstützung der Motilität, da ein aktiver Migrating Motor Complex wesentlich dafür verantwortlich ist, dass der Dünndarm sich selbst reinigt. Hier können pflanzliche und medikamentöse Maßnahmen helfen. Ebenso bedeutend ist die Arbeit an Stressregulation, Schlafqualität und dem autonomen Nervensystem, da diese Faktoren die Verdauung unmittelbar beeinflussen.
- Ernährung: entzündungsarm, individuell angepasst, Vermeidung langfristig restriktiver Diäten (z. B. Low-FODMAP nur temporär)
- Mikronährstoffe: gezielte Supplementierung nach Laborwerten, Fokus auf Zink, B-Vitamine, Eisen, Vitamin D, Magnesium
- Phytotherapie u. a. Oregano-Extrakt, Allicin – evidenzbasiert wirksam gegen bakterielle Überwucherungen
- Motilitätsunterstützung z. B. Iberogast, Ingwer, in Einzelfällen medikamentöse Prokinetika
- Stress- & Schlafregulation: durch Vagusaktivierung, Atemtechniken, Bewegung, Schlafoptimierung
Ziel einer erfolgreichen Therapie ist nicht die kurzfristige Symptomfreiheit, sondern die nachhaltige Stabilisierung des gesamten Verdauungssystems – physisch, mikrobiell und nervensystemisch.
Fallbeispiel aus der Praxis
Eine 34-jährige Patientin stellte sich mit ausgeprägtem Blähbauch und chronischer Verstopfung vor. Sie hatte bereits zahlreiche Ernährungsformen getestet, verschiedene Probiotika eingenommen und monatelang versucht, die Beschwerden selbst zu regulieren: ohne Erfolg.
Die Diagnostik zeigte eine methan-dominierte SIBO, mehrere Mikronährstoffdefizite sowie erhöhte Entzündungsmarker im Stuhl. Die Therapie begann mit der Stabilisierung: Zunächst wurden Mikronährstoffe ergänzt und die Motilität unterstützt, anschließend folgte eine gezielte antibiotische Therapie. Nach wenigen Wochen berichtete die Patientin über eine deutliche klinische Verbesserung, die im Verlauf stabil blieb.
Der Fall zeigt, wie wichtig eine strukturierte Abfolge ist und wie entscheidend es sein kann, zwischen klinischer Besserung und vollständiger „Eliminierung“ einer SIBO zu unterscheiden. Letzteres ist nicht immer realistisch oder notwendig; entscheidend ist die nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität.
Glossar & FAQ zu Reizdarm und SIBO
- SIBO: Bakterielle Überwucherung des Dünndarms mit Gasbildung und Verdauungsbeschwerden.
- IMO: Methanproduzierende Fehlbesiedlung, oft mit Verstopfung verbunden.
- Vagusnerv: Zentrales Verbindungsglied zwischen Darm und Gehirn, beeinflusst Stress und Motilität.
- Low-FODMAP: Kurzfristige Ernährungsstrategie zur Symptomlinderung, nicht zur Langzeitanwendung geeignet.
Fazit: Warum Reizdarm & SIBO ernst genommen werden müssen
Reizdarm und SIBO sind viel mehr als „sensibler Bauch“ oder „stressbedingte Beschwerden“. Beide Erkrankungen haben komplexe, oft ineinandergreifende Ursachen und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Entscheidend ist, die Beschwerden nicht isoliert zu betrachten, sondern den gesamten Menschen einzubeziehen: die Darmfunktion, die Motilität, das Mikrobiom, die Schleimhaut, das Immunsystem und das Stress- und Nervensystem.
Viele chronische Fälle lassen sich deshalb erst dann nachhaltig bessern, wenn Diagnostik, Ernährung, Mikronährstoffe, Motilität, Lebensstil und – wenn notwendig – schulmedizinische Therapie sinnvoll kombiniert werden. Die funktionelle Medizin bietet genau dafür einen Rahmen: ursachenorientiert, individuell und wissenschaftlich fundiert.
Wenn du unter wiederkehrenden Verdauungsbeschwerden leidest, lohnt es sich, die zugrunde liegende Ursache zu identifizieren, statt nur Symptome zu behandeln. Ein strukturierter Ansatz kann dir helfen, Klarheit zu gewinnen und endlich wieder mehr Leichtigkeit im Alltag zu spüren.
Du möchtest deine Reizdarm Beschwerden endlich verstehen?
Wenn du vermutest, dass hinter deinen Beschwerden ein Reizdarm, eine Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) oder eine Kombination verschiedener Verdauungsstörungen steckt, begleite ich dich gerne auf dem Weg zu einer klaren Diagnose und wirksamen Therapie.
Vereinbare hier eine Sprechstunde, um deinen Reizdarm zu lösen! Gemeinsam finden wir heraus, was dein Körper wirklich braucht, um wieder in Balance zu kommen.
Quellenverzeichnis:
- Drossman DA. Functional Gastrointestinal Disorders: History, Pathophysiology, Clinical Features and Rome IV. Gastroenterology. 2016.
- Mearin F et al. Rome IV Diagnostic Criteria for Functional Gastrointestinal Disorders. Gastroenterology. 2016.
- Chey WD, Kurlander J, Eswaran S. Irritable Bowel Syndrome: A Clinical Review. JAMA. 2015;313(9):949–958.
- Lacy BE et al. Irritable bowel syndrome: ACG Clinical Guideline. Am J Gastroenterol. 2021.
- Pimentel M et al. A link between irritable bowel syndrome and methane on breath testing. Dig Dis Sci. 2003.
- Pimentel M et al. Rethinking SIBO: Clean-Up and Motility Disorders as Primary Drivers. Clin Gastroenterol Hepatol. 2020.
- Rezaie A et al. Hydrogen and Methane-Based Breath Testing in Gastrointestinal Disorders: ACG Clinical Guideline. Am J Gastroenterol. 2017.
- Ghoshal UC et al. Small Intestinal Bacterial Overgrowth and IBS: A Systematic Review. J Neurogastroenterol Motil. 2020.
- Morales W et al. Methane does not cause bloating: results from a retrospective review. Dig Dis Sci. 2013.
- Vantrappen G et al. The migrating motor complex: 1980 perspective. Gastroenterology. 1980.
- Sarosiek I et al. Mechanisms of the MMC: Implications in SIBO and Motility Disorders. Neurogastroenterol Motil. 2010.
- Pimentel M. Role of Small Intestinal Motility Disorders in SIBO. Curr Gastroenterol Rep. 2012.
- Halmos EP et al. A Diet Low in FODMAPs Reduces Symptoms of Irritable Bowel Syndrome. Gastroenterology. 2014.
- McKenzie YA et al. British Dietetic Association guidelines for IBS dietary management. J Hum Nutr Diet. 2012.
- Gibson PR, Shepherd SJ. Food choice, restriction and IBS: The FODMAP approach. J Gastroenterol Hepatol. 2010.
- Chedid V et al. Herbal Therapy Is Equivalent to Rifaximin for Eradication of SIBO. Glob Adv Health Med. 2014.
- Chang JY et al. Efficacy of herbal antimicrobials in SIBO treatment. Integr Med. 2019.
- O’Leary F, Samman S. Vitamin B12 in health and disease. Nutrients. 2010.
- Scalabrino G. Vitamin B12, the nervous system, and gut function. World J Gastroenterol. 2013.
- Mwangi MN et al. Iron and gut microbiome interactions. Proc Nutr Soc. 2017.
- Mayer EA. The Neurobiology of Stress and Gut–Brain Interaction. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2011.
- Moloney RD et al. Stress & the microbiota-gut-brain axis. Neurobiol Stress. 2016.
- Breit S et al. Vagus Nerve as Modulator of the Brain–Gut Axis. Front Psychiatry. 2018.
- Liu H et al. The role of gut microbiota in functional digestive disorders. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2020.
- Carding S et al. The human microbiome in gastrointestinal health & disease. Microbial Ecology in Health & Disease. 2015.
- Quigley EM. Gut microbiota in IBS & functional disorders. Gastroenterol Clin North Am. 2017.
Lese auch:
- Mikrobiomtest: sinnvoll oder nur teures Extra?
- Reizdarm & SIBO: Ursachen, Symptome & Therapie
- Die Bedeutung von Mikronährstoffen: So förderst du deine Gesundheit durch Vitamine und Mineralstoffe
